Unter der Moderation von Schulministerin Sylvia Löhrmann führt Nordrhein-Westfalen nach langen Jahren der Debatte und vergeblichen Bemühungen vieler Vorgänger und Vorgängerinnen den Religionsunterricht für muslimisch gläubige Schülerinnen und Schüler ein. Von vielen wird dieser Schritt als historischer Fortschritt gewertet, andere nehmen die Entwicklung zum Anlass, den Religionsunterricht als solchen in Frage zu stellen und kritisieren daher diese Entwicklung.
Bei der Diskussion sollten wir zunächst zumindest zu Kenntnis nehmen, das sich die deutsche Gesellschaft anders als Frankreich nicht für den Weg entschieden hat, den die kritischen Stimmen propagieren. Der Religionsunterricht ist in Nordrhein-Westfalen verfassungsrechtlich verankert. Insofern muss die Schulministerin auf dieser Grundlage für die Gleichbehandlung der Religionen sorgen, denn der Gottesbezug in unserer Verfassung ist nicht beschränkt auf das christliche Gottesverständnis, und das heißt hier in NRW, auch den anderen Religionsgemeinschaften den staatlich beaufsichtigten Religionsunterricht zu ermöglichen. Das ist ihre Aufgabe, und die setzt sie konsequent um. Natürlich kann man die Auffassung vertreten, die Verfassung ändern zu wollen, aber man sollte nicht die Umsetzung des geltenden Verfassungsanspruches kritisieren. Das sind zwei Paar Schuhe.
Im Übrigen bin ich mit der Verfassung sehr einverstanden, weil ich nicht glaube, dass ein so wesentlicher Kern menschlicher Existenz, den die Religion in ihrer Vielfalt ausmacht, zu einer Privatsache erklärt werde sollte, die hinter geschlossene Türen gehört. Im Gegenteil gehört sie meiner Meinung nach immer mitten in die Gesellschaft – und damit auch in unsere Schulen. Nur so kann sie zum Gegenstand sinnvoller gesellschaftlicher Auseinandersetzung und damit zu einem produktiven Bestandteil menschlicher Gesellschaften werden. Die radikale Verneinung der Religion mag vertreten, wer will, auch das ist Ausdruck gelebter Freiheit in unserer Gesellschaft. Doch jegliche menschliche Kultur zeigt: Religion ist nun einmal untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden. Und wer will, dass sie nicht – immer wieder – zu einer die Zivilität bedrohenden Kraft wird, sollte dafür sorgen, dass sich gelebte Religion messen lassen muss an den humanistischen Werten unserer Gesellschaft. Wo sollen denn muslimische Kinder den Unterschied zwischen friedlichem Islam und menschenverachtendem Salafismus lernen? Wo die Konsequenzen demokratiefeindlichem christlichem Fundamentalismus? Wo könnte das besser gelingen als in öffentlichen Schulen?
Wer glaubt, die Antwort darauf sei die Einführung eines Faches Religionswissenschaften, springt m. E. auch zu kurz: Glauben wir, diese Lektion sei lernbar unter Auslassung von Spiritualität, die doch ein wesentlicher Kern von Religion ist? Nein. Wer Religion in seiner Bereicherung wie in seinen Gefahren im Bildungsprozess erfahrbar machen will, der kommt am konfessionsgebundenen Religionsunterricht nicht vorbei. Wer aber Religion aus den öffentlichen Institutionen verbannt, wird meiner Meinung nach im Ergebnis kulturellen Unfrieden ernten.




