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Demokratie
24Mai

Regieren können die Grünen nur mit Demokratinnen und Demokraten.

„DDR rettet Rüttgers“, so titelte die für provokante Überschriften bekannte taz nach dem Scheitern der rot-grün-roten Sondierungsgespräche in Düsseldorf. Weiter weg von der Wahrheit hätte sie kaum sein können. Richtig hätte die Schlagzeile lauten müssen: „Linke rettet Rüttgers.“  Denn mit der DDR hatte das alles eigentlich überhaupt nichts zu tun.

Es ging darum, ob mit den handelnden Personen der Linkspartei  im nordrhein-westfälischen Landtag eine soziale, ökologische und demokratische Reformpolitik für NRW verabredet und verlässlich umgesetzt werden kann. Und eine ganz wesentliche Voraussetzung ist nunmal, dass es ein Mindestmaß an gemeinsamem Demokratieverständnis gibt. Und daran gab es schon vor dem ersten Gespräch begründete Zweifel, weil gleich mehrere Führungskräfte der Linken gegenüber Journalisten deutlich gemacht hatten, dass sie auch heute noch die DDR nicht für ein Unrechtsregime halten, sondern für einen „legitimen Versuch, auf deutschem Boden eine Alternative zum Kapitalismus aufzubauen.“ Wer dann auch noch auf die Frage, ob auch die Stasi ein legitimer Versuch sei, erstmal nachdenken muss wie Frau Butterwegge oder mit der Gegenfrage antwortet, ob denn der Verfassungsschutz legitim sei, wie die Fraktionsvorsitzende Frau Beuermann, der sollte sich nicht wundern, dass man zumindest große Zweifel an der demokratischen Gesinnung der handelnden Personen hat.

Das Ergebnis des Sondierungsgesprächs vom 20. Mai war offensichtlich, dass diese Zweifel gegenüber den Mitgliedern der Verhandlungskommissionen von Grünen und SPD nicht nur nicht ausgeräumt werden konnten, sondern sich bei allen Beteiligten sogar noch weiter vertieft haben. Kein Wunder, wenn von der Linken sämtliche Fragen nach Unrecht in der DDR relativiert und Unrecht in der Bundesrepublik Deutschland gegenübergestellt wurden. In der Konsequenz heißt das doch, dass die Mitglieder der NRW-Linken offensichtlich nicht unterscheiden können zwischen systematischem staatlich organisiertem Unrecht in einer menschenverachtenden Diktatur und Ungerechtigkeiten in einem demokratischen Rechtsstaat. Und mit solchen Leuten sollen Bündnis 90/Die Grünen gemeinsam regieren? Die Partei, für die Menschenrechte unteilbar sind, die sich immer und überall für die Verfolgten in Diktaturen eingesetzt haben, egal ob es vermeintlich linke oder rechte Diktaturen waren? Die Partei, die ihre Identität gemeinsam mit den BürgerrechtlerInnen aus der ehemaligen DDR nach der Vereinigung neu definiert hat? Besser nicht, denn dann hätten wir einen Teil unserer eigenen Geschichte dementiert. Und wenn man schon in solch elementaren Demokratiefragen keine Ebene der Verständigung findet, wie soll es dann im täglichen Regierungshandeln werden? Eine solche Regierung hätte in meinen Augen keine wirkliche demokratische Legitimation und auch keine Erfolgschance gehabt. Und nach dem Scheitern wäre eine dann nachfolgende Landtagswahl für CDU und FDP ein Spaziergang zurück in die Regierung geworden. Deshalb war es gut, dass wir Grüne völlig unabhängig von der SPD die notwendigen Konsequenzen gezogen haben, auch wenn das jetzt bedeutet, dass wir als eigentliche Gewinner der Landtagswahl erneut in die Opposition müssen. Schade, aber es fehlt eben ein Mandat zur Mehrheit, und knapp daneben ist nun mal auch vorbei.

31Mrz

Reiner Daams im KandidatInnencheck von Mehr Demokratie e. V. zur Landtagswahl in NRW 2010

Reiner Daams beantwortet die Fragen von Mehr Demokratie e. V. an alle Landtagskandidatinnen und -kandidaten zu Fragen direkter Demokratie…

Hier geht´s zum Kandidatencheck: http://landtagswahl.mehr-demokratie.de/reiner-daams-gruene.html

22Mrz

Das Programm der Linkspartei belegt ihre Realitätsverweigerung

Meine Güte! Verstaatlichung aller Banken und Großkonzerne, 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, weg mit Hartz IV, weg mit der Rente ab 67 – es fehlt nur noch der Slogan “Reichtum für Alle, aber sofort!” Was sich die Linke da unter der Führung von Oskar Lafontaine zusammenphantasiert, hat mit politischem Realitätssinn nun wirklich gar nichts mehr zu tun.

Abgesehen davon, dass staatliche Energiegroßkonzerne ganz bestimmt kein Deut besser , kein bisschen innovativer, nicht im geringsten demokratischer wären als private Energiegroßkonzerne – weiß die Linke noch nicht, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist? Also ein Staat, in dem gleiche Rechte herrschen? Das heißt u. a., dass bei einer Enteignung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung oder wie immer man das auch nennen will – dann wenn es überhaupt rechtens wäre – der Staat den bisherigen EigentümerInnen den Wert der zu verstaatlichenden Sache, sei es ein Grundstück oder auch ein Unternehmen ersetzen muss. Woher will die Linkspartei die Milliarden nehmen, um EoN, RWE, Thyssen-Krupp, BASF – um nur ein paar zu nennen – verstaatlichen zu können? Oder will sie den Diebstahl zum Programm erheben?

Dieses Programm zeigt nur eins: Sie will nicht regieren, sie kann nicht regieren, und sie will zurück in die Vergangenheit. Zukunft ist so nicht zu machen. Wer will, dass diese Linke regiert, will “Armut für Alle!”. Wer die Linke wählt, wählt die große Koalition.

18Mrz

Haus & Grund fragt – Reiner Daams und Sylvia Löhrmann antworten

Für das Haus und Grund Journal haben Sylvia Löhrmann und Reiner Daams einige Fragen beantwortet:

Seit langem ist  die „große” Gemeindefinanzreform im politischen Gespräch, die die am finanziellen Abgrund stehenden Städte wieder handlungsfähig machen soll. Passiert ist bisher wenig. Was wollen und können Sie und Ihre Partei im Landtag bewegen?

Die Städte und Gemeinden sind das Fundament unserer Demokratie, denn sie sind die Orte, wo Demokratie noch direkt erfahrbar ist. Sie gewährleisten die Infrastruktur – von der Wasserversorgung bis zu den Kultureinrichtungen – die unser Leben und Wirtschaften unmittelbar beeinflussen. Die Kommunen müssen auch in Zukunft der Garant für Versorgungssicherheit sein, damit allen Bürgerinnen und Bürgern weiterhin der Zugang zu qualitativ hochwertigen und bezahlbaren kommunalen Dienstleistungen offen steht.

Allein  die finanziellen Verluste der Kommunen, die die jetzige Landesregierung verantwortet, summieren sich auf rund 1,5 Mrd. Euro pro Jahr, für Solingen ca. 15 Mio. Euro jährlich. Hinzu kommen weitere Millionenverluste durch die aktuellen Steuersenkungen des Bundes. Die kaum noch vermeidbare Überschuldung Solingens ist also nicht in erster Linie hausgemacht, sondern wesentlich Ergebnis falscher Bundes- und Landespolitik.

Die Wiederherstellung der kommunalen Handlungsfähigkeit kann nur gelingen, wenn sich in Bund und Land endlich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Städte und Gemeinden unterfinanziert sind und dass sie eine solide finanzielle Basis brauchen, mit der sie ihre kommunalen Aufgaben auskömmlich bezahlen können. Dazu gehören Sport und Kulturförderung ebenso wie präventive Jugend- und Sozialarbeit. Auch der Verlust der Investitionsfähigkeit ist eine gesellschaftliche, aber auch eine wirtschaftliche Katastrophe, die gerade der Mittelstand, vor allem das Handwerk bitter zu spüren bekommen hat.

Daher ist unser erstes und wichtigstes Ziel eine umfassende Gemeindefinanzreform, die den Kommunen wieder zu ausreichenden und verlässlichen Einnahmen verhilft. Entscheidend dabei ist, dass die Kommunen eigene steuerliche Gestaltungsspielräume behalten und sie nicht vollends in die Abhängigkeit bundespolitischer Entscheidungen geraten. Deshalb wäre eine Abschaffung der Gewerbesteuer auch dann nicht akzeptabel, wenn die Kommunen einen höheren Anteil an der Mehrwertsteuer erhalten würden. Notwendig ist stattdessen der Ausbau der Gewerbesteuer zu einer echten Gemeindewirtschaftssteuer, da die jetzige Gewerbesteuer durch die selektive Auswahl der Steuerpflichtigen in hohem Maße ungerecht ist. Darin sind sich die Grünen auf allen Ebenen der Politik in Deutschland absolut einig.

Nennen Sie uns bitte einige Eckpunkte Ihrer parteilichen Wohnungsmarktgestaltung. Soll der private Wohnungsanbieter eine faire und angemessene Daseinsberechtigung auf dem Anbietermarkt haben?

Alle an der Entwicklung der Wohnungsmärkte beteiligten Akteure stehen in den kommenden Jahren vor gewaltigen Herausforderungen. Diese können nur bewältigt werden, wenn wir die Wohnungspolitik als Gemeinschaftsaufgabe von Staat, Kommunen, gesellschaftlichen Gruppen und privaten Investoren begreifen.

Die wesentlichen Herausforderungen sind die Anpassung der Immobilien an die Anforderungen des Klimaschutzes und den sich regional völlig unterschiedlich vollziehenden demografischen Wandel.

Selbst die von der Landes- und Bundesregierung postulierten Klimaschutzziele, die von einer konsequenten Klimaschutzstrategie noch weit entfernt sind, bedeuten, dass sämtliche Immobilien innerhalb der nächsten 40 Jahre so saniert – oder abgerissen und neu gebaut – werden müssen, dass sie annähernd CO2-neutral sind. Die aktuelle Sanierungsquote von deutlich unter 1 %, bei der zudem das angestrebte Ziel nur selten erreicht wird, macht deutlich, wie weit wir davon noch entfernt sind. Das Ziel ist nur erreichbar mit einem Mix aus staatlicher Unterstützung und staatlichem Ordnungsrecht, das die Anforderungen auch an Altbauten berechenbar sukzessive erhöht. Dabei ist es selbstverständlich, dass private Investitionen in den jeweiligen Märkten auch wirtschaftlich darstellbar sein müssen.

Um die Städte demografiefest zu gestalten, brauchen wir nicht nur die grundlegende generationengerechte Umstrukturierung des Wohnungsbestandes, also den sukzessiven barrierefreien Umbau, sondern auch den Ausbau einer ergänzenden Infrastruktur für die gesundheitliche und soziale Betreuung in den vorhandenen Wohn- und Stadtquartieren. Wir wollen das selbstständige Wohnen mit niedrigschwelligen Be­treuungsangeboten und Versorgungssicherheit fördern, das älteren Men­schen das Verbleiben im gewohnten Lebensumfeld ermöglicht. Das erfordert die Zusammenarbeit zwischen Wohnungswirtschaft, privaten Vermietern, sozialen Trägern, Stadtplanern und Politik.

All dies zeigt, dass auch das Land seinen Verpflichtungen zur Umsetzung des Menschenrechts auf ein menschenwürdiges Wohnen weiter nachkommen muss. Unser Ziel ist daher, mit einem jährlichen Förderprogramm in Höhe von rund einer Milliarde Euro den Neu­bau und die Modernisierung von Wohnraum voranzutreiben.

Können Sie und Ihre Partei der Überschuldung Solingens entgegenwirken?

Neben einer umfassenden Gemeindefinanzreform wollen wir im Landtag und über den Bundesrat folgende Veränderungen durchsetzen:

  • Wir streben eine Ergänzung der Selbstverwaltungsgarantie der Kommunen in Artikel 28 Grundgesetz durch eine Garantie der Mindestfinanzausstattung und einen Ausgleich für Mehrbelastungen bei zusätzlichen Aufgabenübertragungen an.
  • Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Kommunen muss insbesondere bei Zukunftsinvestitionen für Bildung, Umwelt und Soziales wieder aufgehoben werden. Wir wollen Programme des Bundes wie z. B. für Ganztagsschulen wieder ermöglichen.
  • Die Kommunen brauchen verbesserte Anhörungsrechte im Gesetzgebungsverfahren sowohl auf Landes- wie auf Bundesebene.
  • Bund und Land müssen einen deutlich höheren Anteil an der Finanzierung der Sozialkosten übernehmen.
  • Der kommunale Anteil am Steuerverbund muss erhöht werden.
  • Die vom Verfassungsgericht festge­stellten Überzahlungen der Kommunen bei den Kosten der deutschen Einheit müssen vom Land ohne Abzug erstattet werden. Ein transparentes Verfahren muss sicherstellen, dass es künftig zu keiner Überzahlung mehr kommt.
  • Absehbar überschuldete Kommunen wie Solingen brauchen eine Altschuldenhilfe, durch die sie bei den Kosten für Zinsen und Tilgung von Altschulden entlastet werden.
  • Förderprogramme von EU, Bund und Land müssen durch die Flexibilisierung der Fördervoraussetzungen allen Gemeinden zugänglich bleiben, sonst verfehlen sie ihren Sinn, für eine annähernde Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu sorgen.
  • Wir wollen den in NRW bereits unter Rot-Grün eingeführten Regelungen der Konnexität endlich Geltung verschaffen und auch im Bundesrecht entspre­chende Regelungen durchsetzen. Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen.

Selbstverständlich sind daneben auch eigene Konsolidierungsanstrengungen der Stadt erforderlich. Allerdings zeigt die von der Verwaltung vorgelegte Kürzungsliste, dass die Stadt allein nicht mehr in der Lage ist, der Überschuldung zu entkommen, ohne die Stadt kaputtzusparen. Wenn Bund und Land nicht sehr schnell handeln, wird in unserer wie auch in vielen anderen Städten Nordrhein-Westfalens eine Negativspirale in Gang gesetzt, die über den Verlust an Lebensqualität auch die wirtschaftliche Lebensfähigkeit der Stadt massiv in Frage stellt.

Sehen Sie Möglichkeiten die Verkehrsanbindung Solingens an die Autobahnen zu verbessern, um die Stadt als Wohn- und Wirtschaftsstandort besser zu positionieren?

Wir halten die Anbindung der Stadt Solingen an immerhin 3 verschiedene Bundesautobahnen für relativ gut. Gerade für den Wohnstandort – und damit letztlich auch für den Wirtschaftsstandort –  ist es von Vorteil, dass Solingen – anders als viele andere Städte – nicht durch Durchgangsverkehr auf Bundesautobahnen belastet ist. Wir Grüne streiten seit vielen Jahren erfolgreich dafür, dass das auch so bleibt. Jede wünschenswerte Verbesserung der Verkehrsanbindung darf nicht mit dem Preis bezahlt werden, dass zusätzlicher Durchgangsverkehr in die Stadt gezogen wird. Und genau da liegt die Crux bei der seit Jahrzehnten strittigen Anbindung der Stadt an die A3 im Westen unserer Stadt.

Der unter ökologischen Gesichtspunkten nicht akzeptable Weiterbau der Viehbachtalstraße durch den Hackhauser Wald und in Verlängerung der genauso problematische Bau der B 229 N bis zum Langenfelder Kreuz ist Teil einer Planung aus den 60er Jahren, die in der Innenstadt den Durchbau bis zur Kohlfurth an die Schnellstraße Richtung Wuppertal vorsah – eine Planung, die die kürzeste Schnellstraßenverbindung zwischen Köln und Wuppertal mitten durch die Solinger Innenstadt bedeutete. Das kann niemand ernsthaft wollen. Die Realisierung des Teils im Westen hätte zwar eine schnellere Anbindung von Ohligs aus an die A 3 zur Folge, allerdings würde damit zugleich ein nicht wünschenswerter Schleichweg zwischen Köln und Wuppertal geschaffen, der bei Staus um das Hildener Kreuz herum zu chaotischen Verhältnissen um den Schlagbaum herum führen würde. In der Folge würde die Debatte um den Weiterbau bis zur Kohlfurth wieder beginnen. Das gilt es aus grüner Sicht unter allen Umständen zu verhindern.

Dennoch kann die Anbindung an die A 3 weiter optimiert werden. Die vor rund 5 Jahren durch den Bau der Abbiegespur Richtung Oberhausen bereits erreichten Verbesserungen sind auf die Initiative von Sylvia Löhrmann zurückzuführen, die sich auf Landesebene vehement für kurzfristige Lösungen eingesetzt hat. Durch eine weitere Abbiegespur Richtung Köln können zusätzliche Optimierungen erreicht werden. Darüber hinaus halten wir auch die Prüfung einer Anbindung an die A 3 über die Haus-Gravener-Straße für richtig, obwohl die Realisierung auch dieser Variante zu einem ökologisch schädlichen Eingriff in die Waldflächen dort führen würde.

10Mrz

Vom Niedergang der Kultur

Die Szene wehrt sich. Kulturräte und die kulturpolitische Gesellschaft machen sich Sorgen und schlagen Alarm. Die Finanzkrise bedrohe die Kultur. Wuppertal geht voran: Die Stadt schlägt die Schließung des Schauspielhauses und der Börse – eines der ältesten selbstverwalteten soziokulturellen Zentren Deutschlands – vor und rasiert die städtische Kulturförderung. In vielen Kommentaren wird auf die Folgen der Finanz- und Konjunkturkrise hingewiesen, die Ursache dieser Entwicklung sei. Nun ist diese Krise sicher nicht schön und hat üble Folgen. Aber für die Krise der kommunalen Kultur ist sie nicht entscheidend. Sie beschleunigt allenfalls einen ohnehin seit mindestens 25 Jahren absehbaren Niedergang. Die Ursache für das Problem ist m. E. die nun schon Jahrzehnten währende Missachtung der kommunalen Demokratie durch Bund und Länder und die dort gepflegte Sichtweise, bei Kultur handele es sich um eine sog. “freiwillige Aufgabe”, und im Übrigen seien die vom Bankrott bedrohten Städte und Gemeinden selbst Schuld.

Nun kann man durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass die Ursache der totalen Überschuldung einiger Kommunen immer auch etwas mit falschen Entscheidungen vor Ort zu tun hat; dies muss aber immer vor dem Hintergrund konkreter historischer Abläufe gesehen werden. Nehmen wir das Ruhrgebiet oder die bergischen Großstädte: Warum geht es denen besonders schlecht? M. E. ist die Antwort da klar: Die Strukturkrise der alten Industrien hat bei uns begonnen. Die Einbrüche bei den kommunalen Einnahmen und gleichzeitig die steigenden Sozialkosten damit ebenfalls.

In den 70ern und am Anfang der 80er Jahre har die Politik aller Ebenen aber gedacht, die dadurch verursachten Schulden seien ohne große Probleme durch zukünftiges Wachstum locker wettzumachen. Das war aber nicht der Fall, und deshalb haben gerade diese Regionen bereits früh hohe Schulden aufgenommen, und zwar zu einer Zeit, in denen sich die Industriestrukturen z. B. in Baden-Württemberg eher noch aufwärts entwickelt haben.

Aufgewacht im Sinne des Prinzips nachhaltiger Finanzpolitik sind sämtliche Städte und Gemeinden frühestens Mitte bis Ende der 80er Jahre. Nun will ich nicht so vermessen sein, dies den Grünen allein zuzuschreiben, aber wir waren es zumindest, die aufgezeigt haben, dass der Traum vom gigantischen Wirtschaftswachstum, mit dem alle Probleme gelöst würden, nicht nur unrealistisch, sondern zudem auch ein Alptraum ist, da wir damit zugleich unsere Lebensgrundlagen zerstören würden. Zu diesem Zeitpunkt war es für die erwähnten Regionen aber bereits zu spät, die Finanzen zu sanieren. Die danach durchaus unternommenen Konsolidierungsanstrengungen sind sämtlich zunichte gemacht worden durch Solidarpakt, zusätzliche Pflicht- und Sozialausgaben etc., also durch Faktoren, die durch die kommunale Politik überhaupt nicht beeinflussbar waren.

Was tun für die bedrohte vielfältige Kulturlandschaft, auf die wir DEutschen doch so stolz sind? Mir scheint es eigentlich zu kurz gesprungen, wenn nun die jeweiligen Lobbygruppen für bestimmte politische Themenfelder jeweils zweckgebundene zusätzliche Mittel für die Kommunen fordern – so pragmatisch das sein mag. Denn die Ausweitung der Zweckzuweisungen mögen an der einen oder anderen Stelle eine Bibliothek, ein Theater oder ein Kulturzentrum retten, sie degradieren aber zugleich die Städte und Gemeinden zu nach geordneten Behörden, also zu Befehlsempfängern übergeordneter Politiken und beschädigen damit den Kern unserer Demokratie: Die kommunale Selbstverwaltung.

Was heißt das für die Debatte heute?

  1. Schuldzuweisungen an die Städte und Gemeinden sind sinnlos.
  2. Wir brauchen einen Altschuldenfond / Rettungsschirm für überschuldete Kommunen. (Glaube niemand, die Kommunen seien nicht systemrelevant!)
  3. Wir brauchen eine Gemeindefinanzreform, die den Kommunen eine eigene ausreichend breite Steuerkompetenz verschafft. Die Gewerbesteuer als Haupteinnahmequelle ist  dafür – selbst wenn ihre Grundlage verbreitert werden sollte – aufgrund ihrer konjunkturellen Anfälligkeit eigentlich nicht geeignet.
  4. Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über die Notwendigkeit kommunaler Kulturförderung, über Bibliotheken, Museen, Opern und Orchester ebenso wie die Zentren freier Kultur. Es geht auch nicht nur um kulturelle Bildung, so wichtig sie ist – das findet ja auch jeder! – sondern eben auch um Kunst und Theater, ob in Museen, auf Bühnen oder im Stadtbild, um Symphonieorchester ob im Konzertsaal oder auf Plätzen, um Opern ob im Opernhaus oder in alten Fabrikhallen.

Es geht um Kultur als Ausdruck des städtischen Selbstverständnisses, denn das Ende der städtischen Kunstförderung, das Ende der städtischen Kulturpolitik ist das Ende der selbstbewussten Stadt. Wenn wir im Zusammenhang mit Konzerten, Theater, Oper, Museen zukünftig auf die umliegenden Großstädte verweisen wollen, sollten wir Solingen auflösen und uns als Ohligs, Aufderhöhe, Merscheid, Gräfrath, Wald, Solingen, Höhscheid, Burg – nein nicht Wuppertal, sondern dem Rheinsch-Bergischen Kreis anschließen. In Teilen vielleicht auch besser dem Oberbergischen.

Das mögen die kulturlosen Bürger dann entscheiden.  Es gab eine Zeit, da war der Vereinsname “Die Provinz lebt!” selbstironisch gemeint. Wenn wir nicht aufpassen, wird er bittere Realität.

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